Die DiVa

*DiVa, DiVa, DiVa… aber jetzt hör doch mal! Bitte! DIVA!! Menno!* Die DiVa sitzt hinter ihrem Prilblumen Counter mit riesen Kopfhörern und hört das neuste The Doors Album. Lotte sieht sie zwar vor der Theke auf und ab hüpfen, doch heute ist DiVa- Tag, sie mag garnicht zuhören.

Madame Anique beobachtet die Szenerie amüsiert, nimmt einen tiefen Zug Ihrer langen dünnen Mentolzigarette und richtet sich auf Ihrer Chaiselongue her: *Alors, Lotte ma petite, was ist denn die Probleme? Kann isch dir aide?*
*Ich, ich.. also weisst du Madame, ich bin so aufgeregt, ich war im Märchen in Echt mal, gestern, nein vorgestern, ist ja auch egal, also weisst du, ich wollte doch gestern, quatsch vorgestern auch noch in den Plattenladen kommen, weil wir wollten ja Olpe von der *One-Hit Wonder aus den 80ern* Ecke zum *One-Hit Wonder aus den späten 60er* Regal verlegen, weil er immer so verstört geguckt hat wenn WHAM! oder AHA laufen. Ich finde WHAM ja eigentlich ganz toll, vorallem das Weihnachtslied, dass mit dem Schnee und so…*

*Lott cherie, dein Märschen, was ist das für eine Märschen?*

*Ah, jajaja, also ich wollte ja kommen um Olpe wegzuschieben, und dann bin ich in die falsche Bahn gestiegen, also eigentlich nicht in die falsche, aber in eine die ungefähr 300 Haltestellen vor dem Plattenladen angehalten hat und nicht mehr weiterfahren wollte. Und dann dann stand da einer, der guckte auch so verdutzt aus der Wäsche und es war ganz kalt und ich hatte kein Geld, wie Maria kam ich mir vor, weisst du die aus der Weihnachtsgeschichte, nur das ich nicht schwanger bin, und keinen Esel dabei hatte. Aber wo soll man um diese Zeit auch einen Esel herkriegen… Gibt es eigentlich Esel in Plattenladenland? Ich weiss garnicht müsste man mal einen Eselzüchter fragen…*

*Lott!! Die Märschen!* Madame Anique nimmt einen grossen Schluck aus Ihrem silbernen Flachmann.

*Ah ja, also dann sind wir gelaufen, der Verdutzte und ich, und ich habe gesagt ich laufe so lange mit ihm bis ein Esel vorbeikommt* Lotte krümmt sich einen Moment vor Lachen, bis sie Madame Aniques bösen Blick einfängt. *Ähm, ja also dann, dann haben wir geredet und geredet und geredet und geredet, und plötzlich waren wir schon mindestens 10 Kilometer gelaufen, und es war immer noch bitterkalt, aber wir sind weitergelaufen und haben geredet und geredet und geredet. Ach ich sag dir Madame es war so nett. Wir waren plötzlich an einem Park da konnte man die Lichter der ganzen Stadt funkeln sehen, und so ein weisser Schein lag über den Dächern weil es ja so kalt war. Dann sind wir in eine Bar gegangen, weil es war wirklich wirklich kalt, Madame!*
*Isch abe compris, es war froid!*
*Ja genau, und da haben wir dann Glühwein getrunken und Musik über Kopfhörer gehört, obwohl da richtig laut Musik lief, in der Bar. Und dann haben die zugemacht, wir wollten aber immer noch nicht nach hause, darum sind wir noch in einen Irischen Pub. Unglaublich Madame! Das sind ja komische Leute die Iren, darum heissen die wohl auch so, Iren.* Wieder lacht sich Lotte rot, hört augenblicklich auf, als sich Madame Anique anschickt ihre Chaiselongue zu verlassen.

*Jajaja, und dann haben die auch zugemacht in dem Irish Pub und wir haben weiter geredet, bis der Mann, bis der Ire ganz irr wurde und uns verjagt hat. Und dann, ja dann sind wir nach hause gegangen, es war ja schliesslich richtig kalt.*

*Mon Dieu, maintenant, es wird spannend! à la maison, was ist passiert da?*

*Naja was schon, Madame Anique, ich habe meinen Flanell Pyjama angezogen und bin ins Bett gegangen, ah und vorher habe ich mir noch eine Wärmflasche gemacht, was der Junge gemacht hat weiss ich nicht. Aber mal ehrlich, Madame, ist das nicht eine schöne romantische Geschichte? Wie im Märchen oder?*

*Pardonnement? Ihr abt nischt gemacht… also ihr abt nischt Schuschu?*

*NEIN! Naja, nein. Ach menno…nein*

Die DiVA, die natürlich die ganze Zeit zugehört hat unter Ihren Kopfhörern, stellt die Musik wieder an, lächelt und weiss: Lotte wird noch manches Mal kalt sein, bis sie Madame Aniques Schuschu versteht.

Dreh dich nicht um

Dezember 12th, 2009

*Sieh nicht zurück! Wer zurückblickt schaut nicht nach vorne!* Herr Wagner steht vor dem Spiegel und schreit sich an.

*So, beruhigen Sie sich doch Herr Wagner, bitte, sie können doch nichts dafür!* Lotte legt dem traurigen Mann die Hand auf die unrasierte Wange. Ein schöner Mann wäre er, hätter er sich nicht so gehen lassen die letzten Monate. Ein wenig vergessen hatte man ihn fast, so wie er in der *melancholisch traurige Klassiker mit Cello und/oder Kontrabass* Ecke sass.

*Doch immer schaue ich zurück und will haben was ich aufgab, ich bin ein Nimmersatt ein Missgönner ein Entscheidungsphobiker und überhaupt habe ich mein Überich im Taxi nach Roissy liegen lassen. Madame Anique horcht kurz auf um sich dann doch wieder dem neuen Bezug ihrer Chaiselongue zu widmen.

Lotte versteht nicht, was alle wissen. Herr Wagner hat Heimweh, das hat er immer wenn er unglücklich und alleine ist. Immer glaubt er woanders ist es besser schöner weiter.

Als er vor vielen Jahren seine Heimat verliess, war er sicher, er braucht das alles nicht. Braucht keine Verpflichtungen, keine Enge, kein Entscheidungen, abgesehen der das er die nicht braucht. Also packte er seine sieben Sachen und eine Zahnbürste um die Welt zu bereisen. Weit kam er nicht, bereits am ersten Berg blieb er hängen, weinte drei Tage und Nächte: Wie nur sollte er über diesen Berg kommen. Weinend ohne es zu merken überkletterte Herr Wagner den Berg so flink wie der Berg noch nie überklettert worden war. Er drehte sich um und freute sich, schliesslich hatte er soeben einen Berg überquert. Dann traf er auch noch eine schöne Frau in die er sich blind verliebte. Sie lebten beieinander und waren glücklich. Seine Frau war perfekt, schön, sinnlich, intelligent, sie verstand und verehrte ihn. Herr Wagner begann sie zu verabscheuen. nichts passte ihm, sie war zu anders, zu gross zu klein, zu dick, zu dünn, alle anderen Frauen waren schöner, sinnlicher, intelligenter. Er schlief mit ihnen, allen, keine war so wie seine, doch das war ihm egal. Also verliess er seine Frau. Er ging, sie weinte. Nachdem er einige Kilometer gelaufen war, kam er an einen Wald, es war kalt, grau und Nacht. Herr Wagner fühlte sich so einsam, hungrig und leer. Wieder weinte er, wie er sie doch vermisste. Drei Tage lag er weinend vor dem Wald, bis seine Frau kam um ihm etwas zu essen zu machen und ihn nach Hause zu holen. Sie setzten sich nah beeinander und seine Frau streichelte Herrn Wagner den Kopf. Dann stand er auf und ging weinend durch den Wald, wie sie ihn nervte. Als er den Wald durchquert hatte sass am anderen Ende ein alter kleines Männchen mit einer Nickelbrille auf der Nase, einer Hornpfeiffe im Mundwinkel und schlohweissem Haar. Alles was der Alte trug war ein Feinripp Unterhemd, eine grüne Hose und braune Wanderstiefel mit roten Schnürsenkeln.
Herr Wagner setze sich zu dem Männchen, dieser schaute ihn nur an und sagte: *Ich weiss wo du dein Glück findest! Geh in die Stadt dort unten wo die Lichter brennen, dort wirst du einen guten Job, tolle Frauen und wunderbare Freunde finden. Das wird ein Spass!* Der Alte grunzte wischte sich mit seinem Feinripp Unterhemd den Tabak aus dem Bart und verschwand wieder im Wald.
Herr Wagner tat wie das Männchen ihm gesagt hatte, er ging in die Stadt, fand eine tolle Arbeit und sehr nette Menschen die sich die grösste Mühe um ihn gaben, die Frauen lagen ihm zu Füssen, er verdiente viel Geld, Ruhm und Ehre flogen ihm zu. Herr Wagner, ja Herr Wagner war immer ein sicherer Wert. Mit Herrn Wagner konnte nie was schief gehen, er hatte die besten Ideen. doch glücklich war er nie.
Dann hatte er die Nase voll, er ging in den Wald und suchte das alte Männlein, fand es an der gleichen Stelle wie vor vielen Jahren in einem Feinripp Unterhemd, grüner Hose und braunen Wanderschuhen mit roten Schnürsenkeln.
*Ich wusste doch das du wiederkommen würdest! Sag bloss du bist nicht glücklich?* lachte der Alte.
*Nein, ich frage mich jeden Tag nach der Berechtigung meiner Existenz, was tue ich hier? Das hat doch alles keinen Sinn!*
*Möchtest du glücklich sein?* Kicherte der Alte. *Möchtest du das wirklich?* Herr Wagner nickte wild. Unbedingt wollte er das, glücklich sein, alles toll finden und nicht mehr darüber nachdenken müssen, was das alles sollte, warum die Dinge sind wie sie sind und wie sie wären wären sie anders.

*Dein Glück, mein lieber alter Freund, ist das Unglück. Und jetzt mach das du zurück kommst, zu deinen Freunden die dich nicht glücklich machen, zu deinen Frauen die dir das Herz brechen und zu deiner Arbeit die du nie gut genug machst. Und freu dich, denn ohne all das wärst du nichts der traurigste Mensch den ich mir vorstellen kann.*

Mein Name ist Helen, ich bin 22 Jahre alt, Tochter einer Mutter die um mich weint, eines Vaters der mich vergessen hat und ich bin ein Junki. Wie ich hier her gekommen bin und wie ich hier wieder rauskomme weiss ich nicht, ist auch egal, Hauptsache dieser Schmerz geht endlich weg. Der in meinem Kopf, in meinem Bauch, in meinem Herz.  Heute ist Weihnachten, da geht’s um Geld, Geld für Geschenke. Mir geht’s auch um Geld, Geld für Weihnachtsstoff. Sehn Sie, Wenigstens weiss ich warum ich hierhergekommen bin.

*Da grunzt er, warses ja eigentlich nicht wert! Wer weiss was man sich bei dir so holt. Auf den nächsten Schuss!*

Er  lacht höhnisch und schmeisst 50 Mark auf das schmuddelige Sofa, kneift mir zu fest in die linke Brust, kratzt sich an den Eiern und verlässt schnaubend den Raum.

Ich zittere, vor Kälte, Wut und Schmerzen. Ich bin auf turkey, kenn Sie das? Der zieht dir durch den ganzen Körper. Schmerzen im Magen, heiss und kalt ist dir dann und das Licht könnte nicht greller sein. Eigentlich war`s ja schon viel zu spät für den nächsten Freier, der letzte Schuss viel zu lange her. “Streng dich mal ein bisschen an, verdammt, das kann doch nicht so schwer sein jemanden zum ficken zu finden hier!” schrie Tim. “Verdammt Tim, es ist arschkalt und an Weihnachten sind alle bei ihren Familien, verfickte Christkindharmonie, da geht keiner raus um.. ja du weisst schon!* aber Tim hat so fürchterlich am ganzen Körper gezittert, was sollte ich denn machen. Er zog sich die durchlöcherte Jacke bis zu den Ohren und schubste mich in Richtung Strasse. “Nicht wenn du hier so dumm rum stehst! Beweg deinen Arsch an die Strasse, du machst das doch nicht zu ersten Mal, die Reichen haben genug von ihren dämlichen Familien, also ab aufn Rücken!*

Tim hat ja Recht,  ich mache das nicht zum ersten Mal. Ich mache das zum ich habe vergessen wievielten Mal, aber, es war seine Idee, damals. Ah, fangen wir vorne an. Ich habe Tim während des Studiums kennengelernt. Nicht das ich jemals Einserschülerin gewesen wäre, aber für die Uni hat es mit Nachhilfestunden und viel Gürtelhilfe von Vater gereicht. Dann halt Betriebswirtschaft hatte Vater befohlen. Dann halt Betriebswirtschaft. Tim war bei den Medizinern, gross, geheimnissvolle Smaragdaugen, sein süsses Lächeln riss mir den Boden unter den Füssen weg. Damals, auf dieser Party. Das war nun 3 Jahre her. Vater hatte seit dem nichts mehr befohlen, Tim schon. *Nur ein kleiner Stich, das macht nichts, danach fühlst du dich wie ein neuer Mensch.* Geradezu sanft hat er die Nadel angesetzt, Wärme, Geborgenheit, Glück, Schwindel, wie der Duft nach Zimt aus der Küche zu Weihnachten, so fühlte es sich an, das erste Mal. Dass es nie wiederkehren würde, hat Tim nicht gesagt, und da bin ich nun und jage ihm nach, dem Gefühl von Weihnachten mit fünf, kennen Sie das? Wenn man vor der Wohnzimmertür steht, den Duft von Kerzen riecht und das Rascheln von Geschenkpapier hört, man will das immer immer immer.

Am Anfang konnte ich meinen Eltern noch erzählen das ich wegen dem Druck an der Uni so dünn werde, aber Als aus dem Tresor 500 Mark und Grossmutters Erbstücke fehlten, rastete Vater das erste Mal, das erste von unendlichen vielen Malen. Ich weiss nicht wie viele geklaute Mark später schmiss er mich raus. Mutter stand weinend daneben. *Die kommt schon wieder, wirst sehen, Hilde, die hält das nicht aus alleine!*

Ein paar Monate lang brachte Mutter mir heimlich Geld. *Ja Mama, ich kaufe mir bestimmt was zu Essen davon, wirklich, wirklich!* log ich. Bis Vater dahinter kam und es verbot. Was hätte ich denn machen sollen? Betteln wollte Tim nicht. “Scheisse Helen, weisst du wie lange ich da an der Strasse stehe? Soviel verdienst du in 10 Minuten, mach doch einfach die Augen zu und denk an was schönes, ans Meer, du faselst doch immer davon dass du da irgendwo hinwillst, Milch aus Kokosnüssen trinken und so scheiss. Denk doch da dran!” Read more »

Mon Dieu, diese orange, parfait! Und dann sie sagen sie haben lire, mit diese entzückende Hommes? Ou lala! Die nägschte Mal Madame, isch komme aussi. Avec mon petit noir!

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Das, werte Madame Anique, wird ein Spass. Hier meine Werteste finden Sie die Herren in wunderbarer Farbe. Danke dem Herrn Deef sowie den Herren Keidel, Bonke, Heintzer und L. für diesen wunderbaren Abend!

Dr. G. Gelb (2)

November 30th, 2009

Assistenzärztin Gabriela Gelb wie sie damals noch hiess, war 26, gross, etwas burschikos, aber dennoch nicht unsinnlich als sie zum ersten Mal ihren Dienst im Klinikum St. Trudhilde antrat. Sie hatte rehbraune Augen, lange rotbraune Haare und glatte dunkle Mädchenhaut.

Als sie ihre Stelle als Assistenzärztin in der Chriugie des Klinikums St. Trudhilde zugesagt bekam hing der Himmel voller Geigen, die Zukunft wollte mehr von ihr, soviel war klar. *Nach Afrika und dort den Kinder helfen, und eine Weltreise machen, und dann ja dann mal in der Berliner Charité arbeiten, das werde ich machen!* Fachartikel über Gefässchirugie wollte sie schreiben, all das.

Heute, 25 Jahre später war sie wieder hier, im Klinikum St. Trudhilde, wohnte in der grösseren Kleinstadt und wusste nicht so recht wo die letzten 25 Jahre hin waren. Sie hatte keinen Mann und keine Kinder, wollte sie auch nie. Die Kinder nicht. Mit den Männern war das so eine Sache, als die Assistenten nach dem Dienst ausgingen, sich genug zu betranken um die interteamäre Vermehrung gewissenskonfliktlos zu praktizierten, klar da machte sie mit. Sie ging aus, trank, lernte, arbeitete, ging aus, trank, lernte und arbeitete. Jahr um Jahr. Und wie die anderen Frauen auch, schlief sie mit jemandem, nicht immer mit dem gleichen, sie achtete darauf dass die Kollegen am Abend in der Bar mitbekamen dass auch sie einen mit nach hause nahm. Zuhause tat sie wie gelernt, schliesslich sie konnte sie  ja keinen Rückzieher machen. Am meisten jedoch freute sie sich immer wieder darauf wenn die Herren wieder gingen.

Nach einigen Jahren fiel ihr zum ersten Mal auf wie sie ihre Dienste so legte dass sie mit Schwester Viola den so geliebten Kaffee vor Schichtbeginn trinken konnte. Hatte Schwester Viola Nacht so meldete sich auch Dr. Gabriela Gelb freiwillig. Bei den Kollegen war sie damit beliebt, beliebt aber keiner wusste so recht was sie mit der jungen Ärztin die lieber ihre Zeit mit der frigiden Schwester verbrachte anfangen sollte.

Schwester Viola sass im Schwesternzimmer  und trank ihren Tee. Der junge Mann der vor einigen Stunden mit dem Rettungswagen eingeliefert worden war, hatte schlimm ausgesehen, Dr. Gelb würde so schnell nicht aus dem OP zurückkommen, und doch sass sie wie festgeklebt auf dem Stuhl und wartete, gab vor noch Akten bearbeiten zu müssen, trank einen Tee nach dem nächsten, ihre Blase platzte schier, aber je länger sie wartete desto grösser die Wahrscheinlichkeit dass sie Dr. Gelb verpassen würde.

*Ich halte diese Scheisse nicht mehr aus!* Schwester Viola sah geschockt auf, *Diese heulenden Mütter, Väter die nix fühlen wollen, geschockte Augen, er war doch noch zu jung! Mannmannmann, klar war der jung, soll er halt nicht rasen wie ein Besessener! Schwester Viola, sind Sie im Dienst?* Dr. Gelb sah sie kalt an. Kalt sah sie sie erst seit einigen Wochen an, seit dem Abend.

Dr. G. Gelb (1)

November 17th, 2009

Schon wieder sah sie das blaue Licht des Krankenwagens in der Einfahrt der Notaufnahme blinken, und vermutete ein Tatütata dahinter.

*Wieder eine Wohnung frei.* grunzt Dr. Gabriela Gelb. Schwester Viola blickt sie entgeistert an, die 20 Jahre als leitende Ärtzin der Chirugie im Klinikum St. Trudhilde nahe einer grösseren Kleinstadt und die letzten 5 in der Notaufnahme hatten sie erstaunlich abstumpfen lassen.

*So, wollen wir mal sehen, was uns der Winter heute für Frakturen und innere Verletzungen reingeschneit hat.* Dr. Gelb richtet energisch ihren mintgrünen Kittel und stürzt schnellen Schrittes in Richtung Notfalleinfahrt in der der Krankenwagen bereits gestoppt hat. Schwester Viola hört Anweisungen; Intubieren, Zugang legen, x Milligramm hiervon, y Milligramm davon, Patient stabil.

Patient stabil, Schwester Viola atmet auf, sie wird hier nicht gebraucht, keine Angehörigen, kein Sterbender, keine Traumaopfer die Ihren Beistand brauchen könnten. Und Dr. Gelb scheint sie hier auch nicht nötig zu haben. Frau Dr- Gelb, scheint sie nie nötig zu haben. Aber die 5 Minuten in ihrer Nähe haben ihr gereicht. Sie standen so nah beeinander, dass Schwester Viola ihren Duft einatmen konnte. Eine Mischung aus seifenfreiem Duschgel, Jod, Desinfiktionsmittel und FCKW freiem Deodorant. Herrlich.

Wer hatte denn vor 35 Jahren ahnen können, dass alles so kommen würde? Schwester Viola, die damals noch Sylvia hiess jedenfalls nicht.

Schon als junges Mädchen wollte Sie ins Kloster, Gott dienen, Ruhe haben vor den Fingern des Nachbarn.

*Aber dann darfst du nie Kinder haben, niemals Jungs kennenlernen.* Mutter formulierte es als Wahrnung, für Viola klang es grossartig. Helfen, anderen helfen, im Garten gärtnern und beten. So sei es. Also klopfte sie eines Tages an die Tür des Klosters St. Trudhilde, nahe der grösseren Kleinstadt. Die Jahre waren hart, aber grossartig. Für Viola war klar dass für Sie nur ein Platz in der klinischen Seelsorge des angeschlossenen Privatklinikums in Frage kam, die Sterbenden auf ihrem letzten Weg begleiten, den Kranken Mut zusprechen, Zuversicht in die eigene Gesundheit und die heilende Kraft des Glaubens zu geben, das war ihre Welt.

5 Jahre war sie Seelsorgerin, sie wurde schnell anerkannt und bald kamen die älteren Schwestern und baten Sie um Rat, nie harderte Sie, nicht bis Frau Dr. Gabriela Gelb ihre Stelle als Assistenzärztin antrat.

“NEIN! Das hat er gesagt? Und Nein, das machen Sie nicht, Frau DiVa, und dann auch noch laut? DAs Sie sich das trauen!” Lottes Augen drohen aus ihren Höhlen zu hopsen.

*Mon Dieu Lott, mais, so art ist die Text doch nischt. Alors, es ist ein bisschen Sex und ein bisschen schlimme Mots drin. Aber es ist so triste, die Geschichte von die Mädschen und die garcon an die noelle.* Madamen Anique ordnet die Blätter auf ihrem Teetischchen neben der Chaiselongue und richtet den schwarzen Bleistiftrock.

*meine Damen, machen Sie sich keine Gedanken, der Herr L. war ja nur kritisch und so ganz unrecht hatte er ja nicht. Aber jetzt ist alles gut, und ich kann es vortragen, dort am 03. Dezember in der Niederlassung in München.*

*Du wirst alles vortragen, DiVa? Auch das mit dem…* *Shhhh, mon cherie Lott!Wir wollen doch nischt verraten tous!* Madame Anique legt den Finger an dir roten Lippen. *Ou, Madame DiVa, sie werden Lesen mit all die schön Monsieurs, mit die Monsieur Deef, Tobias Heinzer, Volker Keidel, Felix Bonke  et le Monsieur dani L. oulala, isch muss packen ein mein Dessous und die Volant rouge. ouhu Madame DiVa, wann wir müssen sein parat?*

*DiVa alte Hippe machse doch einfach et Poster ane Wand, mite Datails drupp, dann könnse selba gucken obse kommn wolln de Besucher vone Plattenladen, und dat Matam Anike weiss auch wanse ihre Unterbüx gepackt haben muss* Pilsener kratzt sich die Tonsur und tut was er am Besten kann, schnappt sich einen Vorschlaghammer, 4 Reisszwecken, das Poster vom Herrn Deef, und legt los.

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