*Sieh nicht zurück! Wer zurückblickt schaut nicht nach vorne!* Herr Wagner steht vor dem Spiegel und schreit sich an.
*So, beruhigen Sie sich doch Herr Wagner, bitte, sie können doch nichts dafür!* Lotte legt dem traurigen Mann die Hand auf die unrasierte Wange. Ein schöner Mann wäre er, hätter er sich nicht so gehen lassen die letzten Monate. Ein wenig vergessen hatte man ihn fast, so wie er in der *melancholisch traurige Klassiker mit Cello und/oder Kontrabass* Ecke sass.
*Doch immer schaue ich zurück und will haben was ich aufgab, ich bin ein Nimmersatt ein Missgönner ein Entscheidungsphobiker und überhaupt habe ich mein Überich im Taxi nach Roissy liegen lassen. Madame Anique horcht kurz auf um sich dann doch wieder dem neuen Bezug ihrer Chaiselongue zu widmen.
Lotte versteht nicht, was alle wissen. Herr Wagner hat Heimweh, das hat er immer wenn er unglücklich und alleine ist. Immer glaubt er woanders ist es besser schöner weiter.
Als er vor vielen Jahren seine Heimat verliess, war er sicher, er braucht das alles nicht. Braucht keine Verpflichtungen, keine Enge, kein Entscheidungen, abgesehen der das er die nicht braucht. Also packte er seine sieben Sachen und eine Zahnbürste um die Welt zu bereisen. Weit kam er nicht, bereits am ersten Berg blieb er hängen, weinte drei Tage und Nächte: Wie nur sollte er über diesen Berg kommen. Weinend ohne es zu merken überkletterte Herr Wagner den Berg so flink wie der Berg noch nie überklettert worden war. Er drehte sich um und freute sich, schliesslich hatte er soeben einen Berg überquert. Dann traf er auch noch eine schöne Frau in die er sich blind verliebte. Sie lebten beieinander und waren glücklich. Seine Frau war perfekt, schön, sinnlich, intelligent, sie verstand und verehrte ihn. Herr Wagner begann sie zu verabscheuen. nichts passte ihm, sie war zu anders, zu gross zu klein, zu dick, zu dünn, alle anderen Frauen waren schöner, sinnlicher, intelligenter. Er schlief mit ihnen, allen, keine war so wie seine, doch das war ihm egal. Also verliess er seine Frau. Er ging, sie weinte. Nachdem er einige Kilometer gelaufen war, kam er an einen Wald, es war kalt, grau und Nacht. Herr Wagner fühlte sich so einsam, hungrig und leer. Wieder weinte er, wie er sie doch vermisste. Drei Tage lag er weinend vor dem Wald, bis seine Frau kam um ihm etwas zu essen zu machen und ihn nach Hause zu holen. Sie setzten sich nah beeinander und seine Frau streichelte Herrn Wagner den Kopf. Dann stand er auf und ging weinend durch den Wald, wie sie ihn nervte. Als er den Wald durchquert hatte sass am anderen Ende ein alter kleines Männchen mit einer Nickelbrille auf der Nase, einer Hornpfeiffe im Mundwinkel und schlohweissem Haar. Alles was der Alte trug war ein Feinripp Unterhemd, eine grüne Hose und braune Wanderstiefel mit roten Schnürsenkeln.
Herr Wagner setze sich zu dem Männchen, dieser schaute ihn nur an und sagte: *Ich weiss wo du dein Glück findest! Geh in die Stadt dort unten wo die Lichter brennen, dort wirst du einen guten Job, tolle Frauen und wunderbare Freunde finden. Das wird ein Spass!* Der Alte grunzte wischte sich mit seinem Feinripp Unterhemd den Tabak aus dem Bart und verschwand wieder im Wald.
Herr Wagner tat wie das Männchen ihm gesagt hatte, er ging in die Stadt, fand eine tolle Arbeit und sehr nette Menschen die sich die grösste Mühe um ihn gaben, die Frauen lagen ihm zu Füssen, er verdiente viel Geld, Ruhm und Ehre flogen ihm zu. Herr Wagner, ja Herr Wagner war immer ein sicherer Wert. Mit Herrn Wagner konnte nie was schief gehen, er hatte die besten Ideen. doch glücklich war er nie.
Dann hatte er die Nase voll, er ging in den Wald und suchte das alte Männlein, fand es an der gleichen Stelle wie vor vielen Jahren in einem Feinripp Unterhemd, grüner Hose und braunen Wanderschuhen mit roten Schnürsenkeln.
*Ich wusste doch das du wiederkommen würdest! Sag bloss du bist nicht glücklich?* lachte der Alte.
*Nein, ich frage mich jeden Tag nach der Berechtigung meiner Existenz, was tue ich hier? Das hat doch alles keinen Sinn!*
*Möchtest du glücklich sein?* Kicherte der Alte. *Möchtest du das wirklich?* Herr Wagner nickte wild. Unbedingt wollte er das, glücklich sein, alles toll finden und nicht mehr darüber nachdenken müssen, was das alles sollte, warum die Dinge sind wie sie sind und wie sie wären wären sie anders.
*Dein Glück, mein lieber alter Freund, ist das Unglück. Und jetzt mach das du zurück kommst, zu deinen Freunden die dich nicht glücklich machen, zu deinen Frauen die dir das Herz brechen und zu deiner Arbeit die du nie gut genug machst. Und freu dich, denn ohne all das wärst du nichts der traurigste Mensch den ich mir vorstellen kann.*

Dezember 14th, 2009 - 08:24
erschrechend diesen Text gleich als erstes zu lesen am Montag früh. Man erkennt sich doch gleich wieder darin und das was am Wochenende so alles gelaufen ist.
Dezember 16th, 2009 - 10:03
Ich habe mir sagen lassen, dass das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, liebe DiVa. Bestätigen kann ich das aber nicht.
Dezember 17th, 2009 - 13:52
Ich hätt’ den im Wald versauern lassen … aber sowas von!