Die DiVa

“Hey, ich bin `ne Plattenladentür und keine Teenagerzimmertür!” Die Plattenladentür pickiert sich lautstark als Lotte reinwirbelt. Sie stolpert kurz über das Bein das Ronald der grummlige Postbote ihr stellt, also Lotte nicht die Tür, denn die hängt ja in Ihren Angeln.

” Frau DiVa, was ist denn nur los mit Ihnen? Erst hört man wochenlang nichts, der Herr Bebilderer beschwert sich schon fremd, und dann muss ich auch noch das in der Zeitung lesen?!

02032010(2)

Ist es wahr? Sind Sie dem Wahnsinn verfallen?*

Herr Wagners melancholische, Madame Aniques liedgestrichte, Olpes halboffene und auch sonst alle Plattenladenstammkundenaugen sind auf die DiVa gerichtet.

Frau DiVa richtet sich hinter ihrer Prilblumentheke zurecht, schaut sie an und lächelt.

*Alles gut, liebe Freunde, alles wahnsinnig gut!*

Die Plattenladenstammkunden atmen auf und gehen den Dingen nach, denen sie halt so nachgehen, und keiner sieht das wildchoreografische Zucken an der DiVas linken Auge.

Der Martin meint:

Februar 6th, 2010

postitgesungene Wahrheiten die so eigentlich auch nur gelogen sind meint der Martin:

Beim ersten Mal tat`s noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr…

Es herrscht Aufregung im Plattenladen und zwar helle! Die Hitliste der *meistegesuchten Plattentitel die wir aber leider nicht führen weil wir sie doof finden, also die Titel nicht sie.* ist vor einigen Minuten mit dem grimmigen runzligen Postangestellen Ronald im Plattenladen eingetroffen.

Ronald bringt die Plattenladenpost schon seit mindestens 76 Jahren, niemand weiss genau welche Post das die 74  Jahre vor Eröffnung des Ladens gewesen sein soll, spricht man Ronald aber darauf an, bellt und knurrt er derart böse, dass man kein weiteres Nachhacken riskieren will. Die Legende behauptet Ronald hat in Plattenladenland bereits so gut wie jeden Hund gebissen.

Nun, die Liste ist da! Alle Stammkunden, ausser Herrn Wagner, der hat zu tun, scharren sich um der DiVa`s Prilblumen Empfangstheke. *Mon Dieu, Cherie- DiVa! Zeig Sie nous endlisch was die clients nischt können kaufen ici!* Madame Anique glüht unter Ihrer Yves  Saint- Laurent Camouflage ein klitzekleinwenig rot hervor.

*Recht hatse dat Madame! Hau ma raus die Kacke!* schluck, Pilseners drittes leer.

*Also meine lieben Freunde und Stammkunden dann wollen wir doch mal sehen was unsere Kunden suchen aber nicht bekommen.* Die DiVa holt tief Luft und beginnt:

  • Piguin Kostüm basteln *Das ist ja der neuste Schrei aus L.A. der Pinguin Look, schlecht für grosse Schritte, aber warm für den Winter* Püppi weiss halt Bescheid über Mode.
  • Wombat Winterstiefel Püppi rutscht nervös auf ihrem Stuhl rum: *Sowas von 2008, Herr Gott nochmal!*
  • Hilfe, ich bin ein Mann und muss einen Rock tragen *Wat guckta mich denn getz alle so an! wir ham abjemacht dat dat unda uns bleibt!* schluck, Jägermeister
  • Leoparden Leggins *Och, Freunde getz müssta aba ma aufhörn! Seid ja nur neidisch auf dat tolle Jesäss in dene Teils!*
  • Weibliche Brüste beim Mann *gnihihi*, Lotte läuft rot an, *Ich hab letztens Pilsener…  huch*
  • Dünne Haare Frisur *Och mon dieu, mit ein bisschen Toupage und Spray für die aare, isch mache die schönste Frisur avec beaucoup de Volume!*
  • Haarige DiVa Die gesammelte Plattenladenkundschaft ist entsetzt. Also wenn man hier etwas mit Sicherheit nicht findet, dann sind es haarige DiVas, wie kann man nur?

Während die Stammkunden sich versuchen zu sammeln geht mit einem Knarren die Tür des Plattenladens auf, sie schimpft kurz mit der Eingangsklingel, da die wiedereinmal ihren Einsatz verpasst hat. Ronald steht da, und lächelt!

*Ich hab meine Job verloren, hab den Pudel von soner Oma zu doll erschreckt, ist an nem Herzkasper gestorben!* WAS? Lotte ist entsetzt. *Der Hund du Göre, nicht die Oma! Jetzt hab ich Zeit, und ich dachte ich such mir mal ne Platte, irgendwas mit viel Wörtern und Sex und Liebe und Regalen, aber ohne Hunde!*

*Komm rein Ronald, das was du suchst, findest du hier vielleicht.*

Die DiVa steht vor dem Olympiahymnen die es für 1 Woche in die Charts geschafft haben- Regal und sucht gerade nach der Hymne von Oer-Erkenschwig 1953. Madame Anique sinniert auf Ihrer Chaiselongue  Zeiten hinterher die sie nächste Woche haben wird und Olpe, ja Olpe sitzt und tut was ein Mann tun muss, nichts.

Mitten in diese Idylle platzt Lotte, die anderen Plattenladenstammkunden sind sich ihr plötzliches Wirbelwind erscheinen schon gewohnt, doch diesmal ist etwas anders. Lotte riecht. Also nicht wie Lotte sonst riecht, ein wenig nach Blumen, frischgewaschenen Haaren und Zuckerwatte. Nein, Lotte riecht unangenehm. Die DiVa dreht sich um, Madam Anique zückt Ihren Yves Saint Laurent Flakon: pfpfpfpfppf… *Mon Dieu, Lott! Tu riescht wie ein Kamel in die Sahara! Was ast du fait?*

*ICH!* schreit Lotte mit Stolzgeschwellter Brust, *ICH werde Sturkopf- Ping-Pong Weltmeisterin! Darauf trainiere ich schon seit drei Tagen! Und ich bin garnicht schlecht, jawohl! Uhund, jajaja ich werde auch noch Unsicherheits- Wrestling Olympiasiegerin! Könnt ihr mir glauben! Ich mach die alle platt!*

Lotte wischt sich den Schweiss von der Stirn. *Du DiVa* raunt sie leise, *Könnten wir zusammen trainieren, bitte?*

Die DiVa nickt, und weiss das sie in spätestens 2 Tagen Ihrer Pflicht als Hoffnungsträgertrainerin entbunden sein wird. Denn Lotte ist 234545 der Durchhaltevermögensweltrangliste.

Der Martin meint:

Januar 11th, 2010

postitMeeresbiologische Vergleiche die man sich merken sollte meint der Martin:
*Du hast die Konzentration eines Octopusses!*

*DiVa, DiVa, DiVa… aber jetzt hör doch mal! Bitte! DIVA!! Menno!* Die DiVa sitzt hinter ihrem Prilblumen Counter mit riesen Kopfhörern und hört das neuste The Doors Album. Lotte sieht sie zwar vor der Theke auf und ab hüpfen, doch heute ist DiVa- Tag, sie mag garnicht zuhören.

Madame Anique beobachtet die Szenerie amüsiert, nimmt einen tiefen Zug Ihrer langen dünnen Mentolzigarette und richtet sich auf Ihrer Chaiselongue her: *Alors, Lotte ma petite, was ist denn die Probleme? Kann isch dir aide?*
*Ich, ich.. also weisst du Madame, ich bin so aufgeregt, ich war im Märchen in Echt mal, gestern, nein vorgestern, ist ja auch egal, also weisst du, ich wollte doch gestern, quatsch vorgestern auch noch in den Plattenladen kommen, weil wir wollten ja Olpe von der *One-Hit Wonder aus den 80ern* Ecke zum *One-Hit Wonder aus den späten 60er* Regal verlegen, weil er immer so verstört geguckt hat wenn WHAM! oder AHA laufen. Ich finde WHAM ja eigentlich ganz toll, vorallem das Weihnachtslied, dass mit dem Schnee und so…*

*Lott cherie, dein Märschen, was ist das für eine Märschen?*

*Ah, jajaja, also ich wollte ja kommen um Olpe wegzuschieben, und dann bin ich in die falsche Bahn gestiegen, also eigentlich nicht in die falsche, aber in eine die ungefähr 300 Haltestellen vor dem Plattenladen angehalten hat und nicht mehr weiterfahren wollte. Und dann dann stand da einer, der guckte auch so verdutzt aus der Wäsche und es war ganz kalt und ich hatte kein Geld, wie Maria kam ich mir vor, weisst du die aus der Weihnachtsgeschichte, nur das ich nicht schwanger bin, und keinen Esel dabei hatte. Aber wo soll man um diese Zeit auch einen Esel herkriegen… Gibt es eigentlich Esel in Plattenladenland? Ich weiss garnicht müsste man mal einen Eselzüchter fragen…*

*Lott!! Die Märschen!* Madame Anique nimmt einen grossen Schluck aus Ihrem silbernen Flachmann.

*Ah ja, also dann sind wir gelaufen, der Verdutzte und ich, und ich habe gesagt ich laufe so lange mit ihm bis ein Esel vorbeikommt* Lotte krümmt sich einen Moment vor Lachen, bis sie Madame Aniques bösen Blick einfängt. *Ähm, ja also dann, dann haben wir geredet und geredet und geredet und geredet, und plötzlich waren wir schon mindestens 10 Kilometer gelaufen, und es war immer noch bitterkalt, aber wir sind weitergelaufen und haben geredet und geredet und geredet. Ach ich sag dir Madame es war so nett. Wir waren plötzlich an einem Park da konnte man die Lichter der ganzen Stadt funkeln sehen, und so ein weisser Schein lag über den Dächern weil es ja so kalt war. Dann sind wir in eine Bar gegangen, weil es war wirklich wirklich kalt, Madame!*
*Isch abe compris, es war froid!*
*Ja genau, und da haben wir dann Glühwein getrunken und Musik über Kopfhörer gehört, obwohl da richtig laut Musik lief, in der Bar. Und dann haben die zugemacht, wir wollten aber immer noch nicht nach hause, darum sind wir noch in einen Irischen Pub. Unglaublich Madame! Das sind ja komische Leute die Iren, darum heissen die wohl auch so, Iren.* Wieder lacht sich Lotte rot, hört augenblicklich auf, als sich Madame Anique anschickt ihre Chaiselongue zu verlassen.

*Jajaja, und dann haben die auch zugemacht in dem Irish Pub und wir haben weiter geredet, bis der Mann, bis der Ire ganz irr wurde und uns verjagt hat. Und dann, ja dann sind wir nach hause gegangen, es war ja schliesslich richtig kalt.*

*Mon Dieu, maintenant, es wird spannend! à la maison, was ist passiert da?*

*Naja was schon, Madame Anique, ich habe meinen Flanell Pyjama angezogen und bin ins Bett gegangen, ah und vorher habe ich mir noch eine Wärmflasche gemacht, was der Junge gemacht hat weiss ich nicht. Aber mal ehrlich, Madame, ist das nicht eine schöne romantische Geschichte? Wie im Märchen oder?*

*Pardonnement? Ihr abt nischt gemacht… also ihr abt nischt Schuschu?*

*NEIN! Naja, nein. Ach menno…nein*

Die DiVA, die natürlich die ganze Zeit zugehört hat unter Ihren Kopfhörern, stellt die Musik wieder an, lächelt und weiss: Lotte wird noch manches Mal kalt sein, bis sie Madame Aniques Schuschu versteht.

Dreh dich nicht um

Dezember 12th, 2009

*Sieh nicht zurück! Wer zurückblickt schaut nicht nach vorne!* Herr Wagner steht vor dem Spiegel und schreit sich an.

*So, beruhigen Sie sich doch Herr Wagner, bitte, sie können doch nichts dafür!* Lotte legt dem traurigen Mann die Hand auf die unrasierte Wange. Ein schöner Mann wäre er, hätter er sich nicht so gehen lassen die letzten Monate. Ein wenig vergessen hatte man ihn fast, so wie er in der *melancholisch traurige Klassiker mit Cello und/oder Kontrabass* Ecke sass.

*Doch immer schaue ich zurück und will haben was ich aufgab, ich bin ein Nimmersatt ein Missgönner ein Entscheidungsphobiker und überhaupt habe ich mein Überich im Taxi nach Roissy liegen lassen. Madame Anique horcht kurz auf um sich dann doch wieder dem neuen Bezug ihrer Chaiselongue zu widmen.

Lotte versteht nicht, was alle wissen. Herr Wagner hat Heimweh, das hat er immer wenn er unglücklich und alleine ist. Immer glaubt er woanders ist es besser schöner weiter.

Als er vor vielen Jahren seine Heimat verliess, war er sicher, er braucht das alles nicht. Braucht keine Verpflichtungen, keine Enge, kein Entscheidungen, abgesehen der das er die nicht braucht. Also packte er seine sieben Sachen und eine Zahnbürste um die Welt zu bereisen. Weit kam er nicht, bereits am ersten Berg blieb er hängen, weinte drei Tage und Nächte: Wie nur sollte er über diesen Berg kommen. Weinend ohne es zu merken überkletterte Herr Wagner den Berg so flink wie der Berg noch nie überklettert worden war. Er drehte sich um und freute sich, schliesslich hatte er soeben einen Berg überquert. Dann traf er auch noch eine schöne Frau in die er sich blind verliebte. Sie lebten beieinander und waren glücklich. Seine Frau war perfekt, schön, sinnlich, intelligent, sie verstand und verehrte ihn. Herr Wagner begann sie zu verabscheuen. nichts passte ihm, sie war zu anders, zu gross zu klein, zu dick, zu dünn, alle anderen Frauen waren schöner, sinnlicher, intelligenter. Er schlief mit ihnen, allen, keine war so wie seine, doch das war ihm egal. Also verliess er seine Frau. Er ging, sie weinte. Nachdem er einige Kilometer gelaufen war, kam er an einen Wald, es war kalt, grau und Nacht. Herr Wagner fühlte sich so einsam, hungrig und leer. Wieder weinte er, wie er sie doch vermisste. Drei Tage lag er weinend vor dem Wald, bis seine Frau kam um ihm etwas zu essen zu machen und ihn nach Hause zu holen. Sie setzten sich nah beeinander und seine Frau streichelte Herrn Wagner den Kopf. Dann stand er auf und ging weinend durch den Wald, wie sie ihn nervte. Als er den Wald durchquert hatte sass am anderen Ende ein alter kleines Männchen mit einer Nickelbrille auf der Nase, einer Hornpfeiffe im Mundwinkel und schlohweissem Haar. Alles was der Alte trug war ein Feinripp Unterhemd, eine grüne Hose und braune Wanderstiefel mit roten Schnürsenkeln.
Herr Wagner setze sich zu dem Männchen, dieser schaute ihn nur an und sagte: *Ich weiss wo du dein Glück findest! Geh in die Stadt dort unten wo die Lichter brennen, dort wirst du einen guten Job, tolle Frauen und wunderbare Freunde finden. Das wird ein Spass!* Der Alte grunzte wischte sich mit seinem Feinripp Unterhemd den Tabak aus dem Bart und verschwand wieder im Wald.
Herr Wagner tat wie das Männchen ihm gesagt hatte, er ging in die Stadt, fand eine tolle Arbeit und sehr nette Menschen die sich die grösste Mühe um ihn gaben, die Frauen lagen ihm zu Füssen, er verdiente viel Geld, Ruhm und Ehre flogen ihm zu. Herr Wagner, ja Herr Wagner war immer ein sicherer Wert. Mit Herrn Wagner konnte nie was schief gehen, er hatte die besten Ideen. doch glücklich war er nie.
Dann hatte er die Nase voll, er ging in den Wald und suchte das alte Männlein, fand es an der gleichen Stelle wie vor vielen Jahren in einem Feinripp Unterhemd, grüner Hose und braunen Wanderschuhen mit roten Schnürsenkeln.
*Ich wusste doch das du wiederkommen würdest! Sag bloss du bist nicht glücklich?* lachte der Alte.
*Nein, ich frage mich jeden Tag nach der Berechtigung meiner Existenz, was tue ich hier? Das hat doch alles keinen Sinn!*
*Möchtest du glücklich sein?* Kicherte der Alte. *Möchtest du das wirklich?* Herr Wagner nickte wild. Unbedingt wollte er das, glücklich sein, alles toll finden und nicht mehr darüber nachdenken müssen, was das alles sollte, warum die Dinge sind wie sie sind und wie sie wären wären sie anders.

*Dein Glück, mein lieber alter Freund, ist das Unglück. Und jetzt mach das du zurück kommst, zu deinen Freunden die dich nicht glücklich machen, zu deinen Frauen die dir das Herz brechen und zu deiner Arbeit die du nie gut genug machst. Und freu dich, denn ohne all das wärst du nichts der traurigste Mensch den ich mir vorstellen kann.*

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